Donnerstag, 21. Dezember 2017

Andreas Beerlage: Wolfsfährten

Andreas Beerlage: Wolfsfährten
Alles über die Rückkehr der
grauen Jäger



Deutschland ist wieder ein Wolfsland. In „Wolfsfährten. Alles über die Rückkehr der grauen Jäger“ will der Journalist Andreas Beerlage die Debatte um die wiedergekehrten Wölfe versachlichen und unvoreingenommen erzählen. Vorab ist zu sagen, dass meine Rezension stellenweise recht kritisch ist. Man sollte aber bis zum Schluss und meinem Fazit lesen und nicht mittendrin mit Kopfnicken und „Ich hab‘s ja schon immer gesagt“ mit Lesen aufhören.

Der Wolf ist zurück und mit ihm alte Ängste und Mythen. Wölfe polarisieren. Soweit haben Autor und Verlagsankündigung recht. Die Polarisation ist stark, so stark sogar, dass sogar der Autor des angeblich sachlichen Buches Menschen, die den Wolf nicht mit offenen Armen empfangen, als „Wolfshassern“ erwähnt, ob dies nun seine eigene Meinung ist oder nur von Zitate von Wolfs“freunden“ sei dahingestellt. Denn die anderen sind natürlich die Wolfs“freunde“. Neutral, unvoreingenommen und sachlich ist das nicht gerade. Wobei der aufmerksame Leser auch lernt, dass viele dieser Freunde, die sich vielleicht so fühlen, letztendlich dem Wolf durch ihre Freundschaft aber mehr schaden als nützen. Was letztendlich sogar zum Abschuss führen kann. Gut gemeint ist halt nicht unbedingt gut gemacht. Siehe unten.

Weiter schreibt Beerlake in der Buchankündigung: „Eine sachliche Diskussion dagegen habe noch nicht einmal begonnen.“ Das kann ich nur bestätigen. Und das möchte er ändern. Dankenswerterweise. Teils überhitzten Debatten will er mit „Wolfsfährten“ eine unvoreingenommene Annäherung an das Thema entgegen setzen.“

Allerdings ist er selbst nicht unvoreingenommen oder neutral: Aus fast jeder Zeile des Buches geht hervor, dass er ein Wolfsfreund ist, der den neuen Mitbewohner gerne hier sieht. Das ist auch ok so, darf so sein und Beerlage befindet sich da in großer und guter Gesellschaft. Aber unvoreingenommen ist das nicht. Sollte man besser nicht kommunizieren. Trotzdem schreibt er, und der NABU wird es hoffentlich lesen: „Die Mär vom Bösen Wolf ist also nicht völlig am Fell herbeigezogen, wie Naturschützer es uns gerne glauben machen.“

Eigentlich schade um das Thema, denn in der erhitzten Diskussion von Wolfsfreunden und -gegner, um meinerseits das Wort „Hasser“ zu vermeiden, fehlt schon ein neutraler, unvoreingenommener und schlichtweg sachlicher Beobachter und Beschreiber. So aber ist das Buch überwiegend von wolfsfreundlichem Duktus beherrscht. Schade um die verpasste Gelegenheit.

Angemessen sind die mehrfach vorkommenden Warnungen an gutmenschelnde Wolfs“freunde“, Wölfe zu füttern, gar anzufüttern, und so an den Menschen zu gewöhnen. Das schafft Probleme und könnte sogar das Todesurteil für einen Wolf sein. Das kann man gar nicht oft genug sagen, nur gehen die Warnungen vermutlich meist ins Leere: Die, die es lesen sollten, lesen das Buch womöglich nicht.

Dass es unter den Gutmenschen, sprich Wolfsfanatikern, auch verantwortungslose Gesellen, besser vielleicht Dummschwätzer genannt, gibt, liest man auf S. 136, auf der steht, dass einer dieses Kalibers meint, dass wenn ein Wolf Schafe reiße, wohl der Schäfer schuld wäre. Er solle doch je hundert Schafe einen Bewacher aufstellen. Es bleibt einem ob solcher Frechheit die Spucke weg, da versteht man erst, warum Leute, die keine erwiesenen Wolfsfreunde sind, von solchen Idioten - ich kann es leider nicht anders sagen - Morddrohungen bekommen. Einschließlich Morddrohungen an die Hütehunde der Schäfer, sollte bei ihrer legalen Tätigkeit, die Schafe vor dem Wolf zu schützen, mal ein Wolf zu Schaden kommen (S. 156).

By the way: Ich als Wanderer möchte nicht nur keinem Wolf, sondern auch keinem Hütehund bei einer Wanderung in die Quere kommen (s. S. 157). Warum kann man nachlesen. Fazit und Zukunftsaussicht: Man traut sich als Mensch nicht mehr in die Natur. Schöne Aussichten!

So wünscht man doch klammheimlich fast gewissen Personen scharfe Wolfszähne an den Hals: Sollen nach denen doch die leidgeplagten Schäfer, die ohnehin am Jahresende kaum über Null in der Bilanz kommen, von kleineren oder Hobbyschäfern gleich gar nicht zu reden, nun noch sündhaft teure Hütehunde nicht nur anschaffen, sondern auch noch erziehen und durchfüttern (s. S. 156), wobei diese Kosten schlichtweg am Halter hängenbleiben - und so ein großer Hund frisst schon was weg. Und das muss ehrlich beim Metzger gekauft werden und kann nicht per Jagd erlegt werden, wie es eigentlich  Aufgabe des Wolfes wäre. Und sich ebenso sündhaft teure neue Zäune anschaffen? Von der Mehrarbeit erst gar nicht zu reden. Siehe Buch. Beerlake zeigt sich hier erfreulicherweise von der neutralen Seite.

Interessant und wahr und selbstbeobachtet auch seine Beobachtung, dass die Wolfsfreude eher von der städtischen, akademischen Seite kommen, Wolfsskeptiker eher von der Seite, die direkt betroffen ist wie Landwirten, Schafzüchtern oder Jägern. Das erlebt man ja öfters, dass arbeits-, zeit- und geldintensiver Naturschutz vom warmen städtischen Ofen in der zentralbeheizten Wohnung leichter zu fordern ist als von einem, der davon direkt betroffen ist. Man möge mal drüber nachdenken. Der Autor dieser Zeilen könnte hier auch von Begegnungen mit Almbauern etc. und ihrer Meinung zu Wölfen und Bären in den Alpen berichten, wenn dies nicht den Rahmen dieses Textes sprengen würden. Deren Meinung dazu kann man sich aber denken.

Die zeitweise versuchte Unvoreingenommenheit, Sachlichkeit und Neutralität des Autors wird aber immer wieder konterkariert durch Aussagen wie auf S. 139, nach denen die Wolfsfreunde „gute Argumente“ haben (die anderen also wohl schlechte?), bei ihren Ausführungen aber auf „Ignoranz, Vorurteile und Hass“ treffen würden. Und er spricht von einem Bodensatz von „Wolfs-Querulanten“. Das ist keine Neutralität. Und hier ist es als neutraler Rezensent schwer, weiterhin das Buch neutral zu sehen. Eine Seite vorher schreibt Beerlake jedoch von der Arroganz der Wolfsfreunde. Mit gutem Grund - aber passt das zusammen?

Es ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dass die Wolfseuphorie unsere Landschaft dramatisch verändern, sprich verschlechtern wird, wenn die zahlreichen Kleinschäfer als Landschaftspfleger wegfallen. Dies hat Beerlake vermutlich irgendwo auch geschrieben - vermute ich, ich kann aber keine Seitenzahl mehr nennen, um dies zu belegen, ohne das Buch noch einmal durchzulesen - aber m.E. ist dies eine derart dramatische Entwicklung, dass sie eines großen Kapitels würdig gewesen wäre.

Zu hinterfragen ist auch die mehrfach angesprochene „Vergrämung“ von zu sehr an Menschen gewöhnte Wölfe - Beerlake warnt auch ausdrücklich und mit Beispielen vor der künstlichen Gewöhnung der Wölfe an den Menschen (S. 222). Ist auch sehr gut so - aber was ist, wenn der Wolf schon vor der Vergrämung den Menschen derart Angst und Schrecken einjagt, dass sie sich nicht mehr in den Wald getrauen? Im Buch sagt ein Vertreter des NABU dazu: Das Tier solle „zunächst intensiv beobachtet werden und gegebenenfalls … vergrämt werden“. Toll: Was ist dann in der als „zunächst“ beschriebenen Zeit? Lässt man da die Tiere gewähren und die Menschen in Angst und Schrecken versetzen? So macht man mit Sicherheit aus Leuten, die vor dem Wolf Angst haben, keine Wolfsfreunde. Wie dieser Tage auch in einem Artikel aus einer Veranstaltung im Schwarzwald beschrieben, in der Wolfsachverständige den interessierten Zuhörern lang und breit erzählt haben, wie harmlos der Wolf doch sei, und dass man ihn im Falle einer Begegnung mit Lärmen, Schwenken von Jacken oder ähnlichen Kinkerlitzchen vermutlich (!) vertreiben könne (Beerlage empfiehlt auf S. 76 übrigens ein ähnliches Verhalten - ich selbst möchte es allerdings nicht ausprobieren müssen…). Davonlaufen darf man ja auch nicht. Dies kennt man allerdings auch von streunenden Hunden. Worauf eine Zuhörerin die vox popoli vertrat mit den Worten: „Angst habe ich aber trotzdem“ - wer hätte da kein Verständnis?

Beerlage beschreibt auf S. 73 auch mit einigen Beispielen Geschichten, nach denen Wölfe den Kontakt mit Menschen geradezu suchten bzw. provozierten. Wundert man sich da noch über die „german angst?“ Auf S. 211 ist auch deutlich zu lesen, dass Fachleute sagen, dass „immer mal was passieren“ kann. Wenn auch selten. Aber ein Vorfall ist einer Zuviel! Beispiele der unglücklich ausgegangenen Begegnungen findet man auch in dem Buch. Der Neutralität sein Dank.

Der Autor dieser Zeilen erinnert sich auch daran, vor einigen Jahren ein - vermutlich - Youtube-Video gesehen zu haben, in dem Wölfe in einem winterlichen russischen Dorf Menschen (nach seiner Erinnerung wurden sie als Polizisten benannt) durch das Dorf jagten. Wer wundert sich da über die Angst der Waldwanderin? Wer will einem hungrigen Wolf im kalten Winter im Schwarzwald den Appetit auf ein Menschlein absprechen, weil die Hirsche & Co vielleicht gerade woanders waren? Der Rezensent ging als Kind alleine im Wald Schlittenfahren. Heute würde er dies seinen Kindern strengstens verbieten. Ist das die Zukunft der Menschheit? Dass sie „in grauer Städte Mauern“ gefangen ist, weil die „grauen Jäger“ im Winter, aber auch im Sommer hungrig umherziehen? Wünsche ich mir nicht.

Hier um der Neutralität willen noch ein paar Sätze aus der offiziellen Verlagsankündigung …
„Andreas Beerlage ordnet in „Wolfsfährten“ die verschiedenen Positionen und trennt Fakten von Vorurteilen. Ihn interessiert besonders das Verhältnis von Mensch und Wolf: Warum lösen die Tiere so extreme Reaktionen aus? Tiefsitzende Ängste und Aberglaube prägen teilweise auch die aktuelle Debatte. Beerlage nähert sich dem Thema mit einem ethnologischen Blick. Er beschreibt historische Entwicklungen ebenso wie Probleme bei der Wiederausbreitung der Wölfe in unserer modernen Kulturlandschaft.

Für seine Untersuchung sprach Beerlage mit Wolfsberatern, Wolfsforschern, Wolfspathologen oder „Wolfsbüromitarbeitern“, mit Wolfsbeauftragten bei Jägerschaften und in Naturschutzverbänden, mit Polizei und Tierhaltern. Er spart unangenehme Fragen nicht aus und wirft zudem solche auf, die zunächst uns Menschen angehen: Wie viel Wildnis wollen bzw. können wir dulden?

Erklärtes Ziel des Autors ist es, grundlose Ängste zu zerstreuen. Im Zuge der Lektüre soll neben der negativen aber auch die positive Verklärung einer nüchternen Haltung gegenüber den Wölfen weichen. Mit seinem Buch möchte Andreas Beerlage einfach Normalität schaffen und den Wolf entmystifizieren, sodass wir ihn wieder als ein Wildtier wie viele andere sehen können. Dies würde den Umgang mit dem Phänomen der zurückgekehrten „grauen Jäger“ vereinfachen, so der Autor, und käme darüber hinaus den Wölfen zugute.“

… und mein Fazit
Zuerst was mich stört in kurzen Worten: Die angepriesene Neutralität und Unvoreingenommenheit fehlt. Es ist ein Buch eines Wolfsfreundes aus seiner Sicht. Ist ok, sollte aber auch deutlich so benannt werden.

Und was ich gut finde: Das Buch fasst viele Argumente für und einige kritische zur Wolfsansiedlung zusammen. Jede der Fraktionen findet Futter für ihre Meinung. Das ist nicht schlecht, denn es steht viel drin, was Otto Normalverbraucher (ich möchte mich nicht dazu zählen, dazu habe ich mich schon zu oft und intensiv mit dem Thema beschäftigt) über das Thema nicht weiß. Wissen ist schließlich der Tod des Vorurteils. Hoffen wir‘s zumindest mal.

Gut gemeint, aber dem ernsten und sachlichen Thema nicht angemessen, ist m.E. die eher rührselige und menschelnde Geschichte der Wölfin Einauge, die parallel erzählt wird.

Um es auf den Punkt zu bringen: Bei allen Mängeln ist dies ein Buch, das Wolfsfreunde und „Wolfshasser“ gleichermaßen lesen sollten. Auf dass es zur Versachlichung der Diskussion kommen wird.

Zum Autor:
Andreas Beerlage, geboren 1965, ist freier Journalist mit Schwerpunkten in Natur- und Wissenschaftsthemen (u. a. für Stern, GEO Spezial, Spiegel-Verlag, ManagerMagazin, Mare, ZEIT). Er lebt in Hamburg und schreibt mit Vorliebe Artikel mit Tieren in der Hauptrolle: über Homöopathie für Kühe; über Waschbären, die seltene Sumpfschildkröten gefährden; über die Rückkehr der Wilderei; über die Invasion der Tigermücke und über Nandus vor Lübeck. Darüber hinaus folgt er seit mehr als 15 Jahren beruflich wie privat den Fährten der zurückgekehrten deutschen Wölfe. Er war Mitbegründer und Chef vom Dienst der (inzwischen eingestellten) Zeitschrift „WALD“, die 2014 für LEAD- und ADC-Award nominiert wurde.

Termine:
Es gibt viele Veranstaltungen, bei denen der Autor sein Buch vorstellt. Hier sind sie zu finden. Wer sich für das Thema interessiert, sollte dorthin gehen. Vielleicht kann er dort weitere Fragen klären.

Andreas Beerlage: Wolfsfährten. Alles über die Rückkehr der grauen Jäger. 240 Seiten. Gebunden. Gütersloher Verlagshaus, 2017, Originalausgabe. ISBN: 978-3-579-08683-5. 19,99 €.
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