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Montag, 25. April 2022

Baden-Württemberg: WEGE ZUR GESCHICHTE

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WEGE ZUR GESCHICHTE
Per Pedes und Pedal auf Zeitreisen in Baden-Württemberg


Foto: Wanderer vor der Burgruine Reußenstein;

Bildnachweis: Landratsamt Göppingen / Tobias Fröhner

Rauf aufs Rad oder rein in die Wanderstiefel und ab in die Vergangenheit: In Baden-Württemberg lassen sich über 40.000 Jahre Geschichte ganz ohne Zeitmaschine erleben. Per Pedal und per Pedes geht es in die Eiszeit, zu den Römern und Kelten oder zu den mächtigen Herrschergeschlechtern des Mittelalters.

 Auch Akteurinnen des Barock, traditionelle Berufsstände und Vertreter der Industriekultur laden zum Besuch ein. Und natürlich die zahlreichen Dichterinnen und Denker, denen das „Literaturland“ seinen Titel verdankt.  

Zeitsprung zu den Anfängen menschlicher Kultur – Eiszeittäler-Radwege 
Bereits vor rund 40.000 Jahren erschufen die Eiszeitmenschen im Lone- und Achtal auf der Schwäbischen Alb Kunstgegenstände und Musikinstrumente, die uns heute den Atem verschlagen. Sie beweisen, dass der Mensch schon damals zu einer modernen Form von Bewusstsein gelangt war und sich mittels Musik, Symbolen und figürlicher Kunst ausdrücken konnte. Seit 2019 verbindet die Radstrecke „Eiszeittäler“ Fundstätten und einschlägige Museen. Vom Start in Schelklingen über Blaubeuren und Ulm bis zum Archäopark Vogelherd bei Niederstotzingen. Der etwa 75 Kilometer lange, auch für E-Bikes bestens geeignete Radweg durch das UNESCO-Welterbe kann in beide Richtungen befahren und mit anderen Strecken kombiniert werden.
welt-kultursprung.de

Grenzerfahrungen für Geschichtsfans – Limes-Radweg und Römerpfade 
Am Obergermanisch-Raetischen Limes, wo einst die Römer entlang patrouillierten, um ihre Grenzen zu den Germanen zu sichern, lässt es sich heute hervorragend wandern und radfahren. Zahlreiche rekonstruierte Wachtürme und Kastelle sowie konservierte Baureste und Museen veranschaulichen das Leben der Römer in diesem Landesteil. Der Limes-Radweg führt auf 164 abwechslungsreichen Kilometern vom Odenwald über Hohenlohe und den Schwäbisch-Fränkischen Wald ins Remstal und auf die Ostalb. Ergänzt wird er vom Limes-Wanderweg. Zu Fuß kann man sich den Römern im Odenwald ab 2022 auch über die neuen „Römerpfade“ nähern: Rund- oder Streckentouren von 5 bis 15 Kilometern Länge, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Die vom Deutschen Wanderverband als „Kurzer Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ zertifizierten Touren sind nach römischen Gottheiten benannt und vermitteln Informationen zur lokalen römischen Geschichte.
limesstrasse.de; roemerpfade.de

Zu Fuß um die älteste Stadt Deutschlands – Wanderweg Heuneburg
Sie ist die älteste Stadt nördlich der Alpen und war einst ein bedeutendes Handelszentrum, das Verbindungen bis nach Marseille und in den süditalienischen Raum pflegte. Die Heuneburg, im Altertum vermutlich als „Pyrene“ bekannt, entwickelte sich ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. und hatte in ihrer Blütezeit so viele Einwohner wie das damalige Athen. Rund um die Höhensiedlung oberhalb der Donau führt ein 10,6 Kilometer langer und leicht zu bewältigender Wanderweg zu den Außensiedlungen und keltischen Grabhügeln, wie dem Fürstengrabhügel Hohmichele, dem frühkeltischen Grabhügel Speckhau und der spätkeltischen Viereckschanze. Start und Ziel für die Tour ist die Übersichtstafel am Heuneburgmuseum in Herbertingen.
heuneburg.de

Im Stammland der Stauferdynastie – Löwenpfad Staufer-Runde 
Der Löwenmensch aus dem Lonetal und die drei Löwen, die einst das Wappen der Staufer zierten und heute im Wappen Baden-Württembergs zu Ehren kommen, gaben den „Löwenpfaden“ im Landkreis Göppingen ihren Namen. Den Spuren des ebenso mächtigen wie sagenumwobenen Herrschergeschlechts der Staufer folgt der Löwenpfad „Staufer-Runde“. Ob im Wäscherschloss oder in den Überresten der Stammburg auf dem Hohenstaufen, die Geschichte der Staufer ist auf diesem Weg immer im Gepäck. Der vom Deutschen Wanderverband als „Kulturerlebnis“ zertifizierte Rundweg verläuft auf rund 11 Kilometern zwischen Wäschenbeuren und Göppingen. Anspruchsvolle 372 Höhenmeter sind zu überwinden, belohnt wird man dafür mit sensationellen Ausblicken.
loewenpfade.de

Radelnd zu Ritterburgen und Residenzen – Radweg Burgenstraße 
Kaum ein anderes Bundesland ist so reich an Burgen und Schlössern wie Baden-Württemberg. Fans von mittelalterlichen Ritterdomizilen und barocken Herrschersitzen werden auf dem „Radweg Burgenstraße“ zwischen Mannheim und Kirchberg an der Jagst in Begeisterungsrufe ausbrechen. Entlang der renommierten Ferienstraße am Neckar reiht sich eine historische Sehenswürdigkeit an die andere. Wer die alten Gemäuer nicht nur von außen oder bei einer Führung bestaunen möchte, kehrt in einem der Burg- und Schlosshotels ein oder übernachtet gleich dort. Allerdings ist eine gute Kondition Voraussetzung, da Herrschersitze naturgemäß meist auf Anhöhen liegen. Auch darüber hinaus bietet der Radweg ein paar kräftige Steigungen, etwa in Hohenlohe. Etwas weniger Muskelkraft ist hingegen im Neckartal gefordert, wo der Radweg noch relativ flach verläuft.
burgenstrasse.de

Pracht, Prunk und Putten - Radtour an der Oberschwäbischen Barockstraße
Der beeindruckende Bibliothekssaal im ehemaligen Kloster Bad Schussenried ist ein Juwel des Rokoko und eine der Hauptsehenswürdigkeiten an der Oberschwäbischen Barockstraße. Auf 860 Kilometern verbindet diese rund 55 barocke Sehenswürdigkeiten. Wer opulente Baukunst liebt und gerne auf zwei Rädern unterwegs ist, nutzt einen der vielen Radwege entlang der Route für eine Erkundungstour. Etwa den Oberschwaben-Allgäu-Radweg zwischen Aulendorf und Bad Saulgau, der auch Kloster Schussenried ansteuert. In Aulendorf führt Doris Schenk alias Gräfin Paula Schlossgäste plaudernd durch ihren Alltag im späten 19. Jahrhundert. Und im heute noch von Franziskanerinnen bewohnten Kloster Sießen in Bad Saulgau warten Klostergarten, -laden- und -café sowie eine Ausstellung zu den berühmten Hummel-Figuren auf interessierte Gäste.
oberschwaben-tourismus.de

Auf dem Holzweg – Flößerpfad Kinzigtal 
Vom 15. bis ins 20. Jahrhundert war der Schwarzwald die europäische Hochburg des Holzhandels und der Flößerei. Aus den Flusstälern des Mittelgebirges brachten die geschickten Flößer ihre Ware bis zur holländischen Rheinmündung. Im Kinzigtal erinnert der Flößerpfad an diese Zeit. Auf dem 10 Kilometer langen Abschnitt zwischen Loßburg und Alpirsbach und dem 23 Kilometer langen Abschnitt zwischen Alpirsbach und Wolfach wird an Themenstationen, in Museen, mit Audioguides für Kinder und Erwachsene, Geo-Caching und einem Begleitheft das vielfältige Wissen über die Flößerei anschaulich vermittelt. Natur- und Kulturerlebnis gehen auf diesem Pfad wie selbstverständlich Hand in Hand.
floesserpfad.de

Wo der Erfindergeist Wurzeln schlug – Radtour zur Industriekultur 
Was wäre Baden-Württemberg ohne seine Erfinder, traditionsreichen Unternehmen und namhaften Marken? Der Grundstein zum weltweit bekannten Industriestandort wurde bereits im 19. Jahrhundert gelegt. Im Filstal östlich von Stuttgart lassen sich auf einer bequemen Radtour mit gut 26 Kilometern wichtige Orte der lokalen Industriekultur entdecken. Von Plochingen bis Eislingen warten Infostationen, Ankerpunkte und zahlreiche Sehenswürdigkeiten: Hafen und Bahnhöfe, Arbeitersiedlungen und Fabrikantenvillen, Mühlen und Kraftwerke, Werkzeug-, Metall- und Textilwarenfabriken säumen den Weg. Natürlich fehlen auch Traditionsunternehmen wie der Spielzeug- und Modelleisenbahnbauer Märklin und der Haushalts- und Gastronomiewaren-Hersteller WMF nicht.
industriekultur-filstal.de

Literarisch um den Bodensee – Per Pedal zur Poesie 
Schon bevor die Erfinder zu Weltruhm aufstiegen, machten die Dichterinnen und Dichter den Süden Deutschlands überregional berühmt. Auf elf literarischen Radwegen kann man ihren Lebensspuren und Werken durch unterschiedliche Regionen folgen. Radweg Nummer 4 beginnt in Öhningen an der deutsch-schweizerischen Grenze und führt auf etwa 50 Kilometern am Bodensee entlang über die Halbinsel Höri, Radolfzell und Allensbach nach Konstanz. Auf der literarischen Zeitreise wird der Bogen vom Minnesang des Mittelalters bis zur Lyrik der jüngsten Vergangenheit gespannt. Literatinnen und Literaten, die wie Jacob Picard hier geboren wurden oder wie Anna Seghers für einige Wochen Station machten, wird dabei ebenso gedacht wie jenen, die sich wie Joseph Victor von Scheffel und Hermann Hesse über einen längeren Zeitraum in die traumhaft schöne Natur am Bodensee flüchteten.
literaturland-bw.de 

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Dieter Buck

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Mittwoch, 25. August 2021

Mittelalterbaustelle Campus Galli bei Meßkirch

 Alle Zeit der Welt

 

In einigen Jahrzehnten wird bei Meßkirch eine prächtige Klosterstadt stehen. Noch ist das beim Spaziergang über die Mittelalterbaustelle Campus Galli schwer vorstellbar. Doch die Bauten wachsen – Tag für Tag und ohne moderne Maschinen 

Ein lautes Klopfen hallt durch den Nadelwald, das Signal für den Arbeitsbeginn auf der Klosterbaustelle. Doch anders als erwartet hört man – fast nichts. Trotzdem arbeiten hier 25 Menschen: Sie flechten Körbe, höhlen Baumstämme aus, fertigen Nägel – alles in Handarbeit, ohne festen Zeitplan, ohne moderne Maschinen und deswegen wunderbar leise. Die Ruhe und Gelassenheit, die diese Art zu arbeiten mit sich bringt, überträgt sich auch auf die Besucherinnen und Besucher, die langsam über das Gelände gehen, hier und da stehen bleiben und den Handwerkenden Fragen stellen. 

Der Campus liegt bei Meßkirch auf der Schwäbischen Alb, etwa 35 Kilometer vom Bodensee entfernt. „Wir bauen hier bei Meßkirch ein Kloster, das vor 1.200 Jahren entworfen, aber nie umgesetzt wurde“, erzählt Hannes Napierala, Archäologe und Geschäftsführer des Campus Galli. Der Bauplan sei ein Geschenk des Klosters Reichenau an den Abt von St. Gallen gewesen, der damals sein Kloster umbauen wollte, erläutert er. Das Original liegt in St. Gallen, darauf abgebildet sind 40 Gebäude, mit einer Abteikirche als Mittelpunkt. Dort ist auch das Grab des Heiligen Gallus eingezeichnet, daher der Name der Klosterstadt, Campus Galli, auf Deutsch „Hof des Gallus“. 

 


So wie damals ... aber wie?

 „Wir verwenden ausschließlich Handwerkstechniken und Materialien aus dem 8. Jahrhundert“, erzählt Napierala weiter, „und da wir als Archäologen immer nur das fertige Produkt sehen und selten eine schriftliche Anleitung aus der Zeit vorliegen haben – etwa für das richtige Lehm-Stroh-Verhältnis der Wände – müssen wir uns das alles erarbeiten. Das ist wahnsinnig spannend, aber auch langwierig.“ Die zu Beginn des Projekts angestellte Schätzung von 40 Jahren Bauzeit wurde deswegen schnell wieder verworfen. Napierala sagt: „Keine Ahnung, ob ich überhaupt noch lebe, wenn das Kloster fertig wird. Aber da der Weg für mich das spannendste an dem Projekt ist, ist das nicht schlimm.“ Die Idee für das Projekt hatte ein Aachener Journalist, nachdem er ein ähnliches Bauprojekt in Guédelon in Frankreich besucht hatte. Dort wird seit über 20 Jahren eine Burg aus dem 13. Jahrhundert nachgebaut. 

Das erste Gebäude des Klosterplans

Die Scheune, die derzeit gebaut wird, ist das erste geschlossene Gebäude, das tatsächlich auf dem Klosterplan verzeichnet ist. „Neben authentischem Material und Bautechniken ist auch eine plausible Baureihenfolge wichtig“, erklärt Napierala. „Und Scheunen gehören zu den wichtigsten Gebäuden, da man im Notfall eher in einer Scheune schlafen, als Vieh und Vorräte in einem Wohnhaus unterbringen kann.“ Die Werkstätten, die heute auf dem Campus zu besichtigen sind, werden wieder abgebaut, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben. Auch die wunderschöne Holzkirche ist nur eine Art Zwischen-Gotteshaus. In einigen Jahrzehnten wird sie von der steinernen Abteikirche abgelöst.

Bis dahin thront die Kirche auf ihrer kleinen Lichtung und scheint sich ihrer Bedeutung trotz der Vergänglichkeit ganz bewusst zu sein. Das mag an den staunenden Gesichtern derjenigen liegen, die sie erblicken, oder an der Liebe, die beim Bau in jeden noch so kleinen Winkel gesteckt wurde. In den Innenraum zum Beispiel, in dem schöne Schnitzereien die Chorschranke verzieren. Und auch in den kleinen überdachten Kreuzgang, in dem Napierala gerne Platz nimmt und seine Gedanken wandern lässt.

 Alles mit Bedacht

Drei Jahre wurde an dem neun Meter hohen Gotteshaus gearbeitet. „Eine große Heraus­forderung, da wir damals noch kaum Erfahrungen mit Holz hatten. Wir mussten lernen, die Bäume zu lesen“, erzählt Hannes Napierala. Schon vor dem Fällen kann man nämlich sehen, ob das Holz für den gedachten Zweck geeignet ist, wie eng die Jahresringe stehen und ob es etwas aushält. „Die meisten Bäume sind viel älter als wir“, erzählt der Archäologe nach einer kurzen Pause weiter, „und wenn man eine 200-jährige Eiche fällt, dann will man nicht, dass sie anschließend im Wald vermodert.“

Da jeder Nagel, ja sogar jeder Hammer hier selbst hergestellt wird, ist bedächtiges und präzises Arbeiten eine der ersten Lektionen auf der Klosterbaustelle. Auf dem Campus gibt es keinen Terminplan. Die Arbeit ist dann fertig, wenn sie gut ist! Das ist einer der Gründe, warum die Mitarbeitenden auch keine Uhren tragen. Für sie ist der Aufenthalt auf dem Campus zeitlos. Der Arbeits­tag wird durch das Schlagen auf der Tabula, dem Klangholz im Turm neben der Kirche, begonnen und beendet. Zum Mittag­essen läutet die Glocke. Dann legen die Handwerkerinnen und Handwerker ihr Werkzeug zur Seite und machen sich auf den Weg zu einem unauffälligen Tor. Mittelalterlich gewandet verlassen sie das Gelände, um im Pausenraum eine Stunde in der Gegenwart zu verbringen. 

Tipp: 

Wer nicht nur schauen, sondern selbst auf dem Campus mitarbeiten möchte, kann sich als ehrenamtlicher Helfer melden und ein paar Wochen an der Klosterstadt mitbauen: campus-galli.de

Fotos: TMBW/Udo Bernhart

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